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MONITOR Nr. 542 am 19. Januar 2006
Der Fall Bayer: Der Weltkonzern und der Umgang mit Kinderarbeit
Bericht: Monika Pohl
Sonia Mikich:
"Bleiben wir bei der Arbeit. Wenn ein großes Unternehmen wie Bayer
etwas produziert, zum Beispiel Saatgut, dann wird jeder einzelne
Schritt genau kontrolliert, zum Beispiel, auf welcher Fläche das
Saatgut hergestellt wird, welche Pestizide dabei eingesetzt werden
dürfen, wie dicht die Pflanzen stehen und so weiter. Kontrolle hilft
Qualität zu erzielen. So weit, so wichtig fürs Firmen-Image.
Aber was für Saatgut gilt, gilt nicht zwingend für die Menschen, die es
produzieren. Etwa die Arbeiter auf indischen Baumwollfeldern. Und dort
schuften auch Kinder. Und das bekommt Bayer einfach nicht in den Griff,
auch wenn man das Problem seit drei Jahren kennt.
Monika Pohl über Kinderarbeit in einem Dorf, 7.000 km entfernt von Leverkusen, dem Sitz des Weltkonzerns Bayer."
In der indischen Baumwollprovinz Andhra Pradesh ist die Kindheit
kurz. Hier auf dem Dorf müssen die Kinder früh mit anpacken. Ihre
Eltern verdienen nicht viel. Die meisten arbeiten als Tagelöhner auf
den Feldern. Und viele junge Mädchen auch - in der Zucht von
Baumwollsaatgut. Sie müssen die hybriden Pflanzen bestäuben, weil die
sich nicht selber vermehren können. Bis zu 10 Stunden stehen die
Mädchen Tag für Tag in der brütenden Hitze, obwohl das indische Gesetz
solche Arbeit verbietet. Aber die Kinder haben keine Wahl.
Das ist Rasul. Ich bin acht Jahre alt, sagt er, und habe fünf
Geschwister. Die Arbeit ist sehr schwer, aber wir müssen alle arbeiten,
sonst geht es nicht.
Sie ist zehn und arbeitet von 9 Uhr morgens bis 6 Uhr abends auf dem
Baumwollfeld - für 30 Rupien am Tag. Das sind 50 Cent. Natürlich würde
ich gerne zur Schule gehen, sagt sie, aber die Eltern müssen Schulden
zurückzahlen.
Ein großer Arbeitgeber hier ist die Firma PROAGRO. Seit drei Jahren
gehört sie zum deutschen Bayer-Konzern. Auf Druck von indischen
Hilfsorganisationen hat man das Projekt "Harvest of Happiness",
"Glückliche Ernte" gestartet. Das ist ein Aktionsplan für den Kampf
gegen die Kinderarbeit. Darin heißt es zum Beispiel:
"PROAGRO verfolgt eine klare Politik: 'Keine Kinderarbeit'."
Und:
"Kinderarbeit wird auf Bayer-Vertragsfarmen nicht toleriert."
Soweit so gut. Aber nicht ganz zutreffend. Ein indischer
Agrarexperte hat uns diese Bilder geschickt. Gedreht auf
PROAGRO-Feldern. Etwa 500 Kinder hat er dort bis letzten Dezember
gezählt. Er beobachtet die Situation seit Jahren und macht seit Jahren
auch PROAGRO auf das Problem aufmerksam. Sicher, sagt er uns, die Zahl
der Kinderarbeiter sei in den letzten Jahren zurückgegangen. Aber kann
so ein Weltkonzern wie Bayer nicht gründlicher dafür sorgen, dass hier
kein einziges Kind mehr schuften muss?
Die Mädchen wissen, dass sie eigentlich nicht hier sein dürfen und versuchen sich zu verstecken, als sie die Kamera bemerken.
Ein paar Meter weiter: In den Sprühflaschen ist Pestizid, das
regelmäßig über die Pflanzen gespritzt wird. Auch wenn die Kinder im
Feld stehen.
Wir fahren in die Dörfer, wo die Kinder mit ihren Familien leben.
Mittlerweile ist die Saison vorbei, die Felder sind abgeerntet.
Wir kommen an einer Grundschule vorbei. Während der Pflanz- und
Erntesaison ist der Schulhof längst nicht so voll. Der Lehrer erzählt
uns, im Sommer würde die Hälfte seiner Schüler auf dem Feld stehen
statt in der Schule zu sitzen.
Masoom Vali, Schulleiter (Übersetzung MONITOR): "Wenn die
Regierung uns Lehrern die Macht geben würde, die Kinder in der Schule
zu halten, dann könnten wir auch dafür sorgen, dass die Gesetze
eingehalten werden. Aber wer in der Schule sitzt, verdient eben nichts.
Das Problem hier auf dem Land ist die große Armut."
Das Dorf Mela Cheruvu mitten zwischen den Baumwollfeldern. Hier
leben die Familien der einfachen Feldarbeiter. Wir treffen Vandanam. Er
arbeitet im Steinbruch. Von seinen fünf Kindern schickt er eins zur
Schule. Seine älteste Tochter arbeitet auf dem Baumwollfeld. Ob er denn
nicht wisse, dass Kinderarbeit verboten sei? Es geht nicht anders, sagt
er. Wir müssen sie schicken. Ich verdiene zu wenig.
Seine Nachbarin Yeshodamma hat ebenfalls fünf Kinder. Auch sie
schickt eine ihrer Töchter zur Arbeit aufs Feld. Wir haben einen
Vorschuss bekommen, erzählt sie. "Einen Vertrag haben wir nicht. Ich
kenne die Firma nicht, für die wir arbeiten." Und das gilt auch
umgekehrt.
Die Bayer-Firma PROAGRO kennt die Leute im Dorf auch nicht, denn sie
schaltet einen Agenten dazwischen, den Seed Organizer. Der schließt
einen Vertrag mit dem Bauern und handelt aus, was dieser für das
fertige Saatgut bekommt. Der Bauer heuert dann die Arbeiter an und
bestimmt deren Lohn.
In dem Vertrag, den der Bauer von den Saatgut-Agenten bekommt, steht
drin, dass Kinderarbeit verboten ist. Wer keine Kinder anheuert
bekommt ...
"... einen Aufschlag von 5 %, als Anreiz ausschließlich Erwachsene zu beschäftigen."
Das ist gut für die Bauern, aber den einfachen Arbeitern nützt das
nicht viel. Sie verdienen so wenig, dass sie nach wie vor ihre Kinder
zur Arbeit schicken müssen, um über die Runden zu kommen.
Bauer Siva Reddy erzählt, dass die Eltern schon im März und April
kämen und ihn anflehen würden, ihren Kindern im Sommer Arbeit zu geben.
Das Problem, sagt auch er, ist die Armut.
Wir fragen Bayer, wie sie das Problem lösen wollen. Und bekommen einen freundlichen Brief:
"Wir danken Ihnen für Ihr Interesse an unserem Engagement zur Bekämpfung von Kinderarbeit in Indien."
Ein Interview könne man leider nicht geben, aber man weist uns auf die
Punkte im Aktionsplan hin. Man habe schon 29 Creative Learning Centers
eingerichtet, die die Kinder auf die Schule vorbereiten sollen.
Außerdem gebe es wirtschaftliche Anreize für die Farmer, die auf
Kinderarbeit verzichten. Und Sanktionen für die, die das nicht täten.
Über die Hungerlöhne steht nichts im Brief. Muss auch nicht, denn
für Löhne ist Bayer nicht zuständig. Nur für den Preis, den sie für das
Saatgut zahlen. Der ist so niedrig, dass die Bauern nicht viel daran
verdienen. Mindestlöhne aber wären der Schlüssel, um Kinderarbeit
endgültig abzuschaffen.
Dr. Davuluri Venkateswarlu, Agrar-Experte (Übersetzung MONITOR):
"So lange die Firma PROAGRO nicht ganz ernsthaft über die Abnahmepreise
für das Saatgut nachdenkt", sagt uns Dr. Venkateswarlu, "wird sie der
Verpflichtung nicht nachkommen können, Kinderarbeit auf ihren
Vertragsfarmen wirklich auszuschließen."
Er hat ausgerechnet, dass die Bayer-Tochter PROAGRO den Bauern 37 %
mehr für das Kilo Baumwoll-Saatgut bezahlen müsste. Nur so könnten die
Bauern den Arbeitern das geben, was ihnen gesetzlich zusteht: Etwa ein
Euro am Tag. Und nur dann wären die Eltern nicht mehr gezwungen, ihre
Kinder zur Arbeit zu schicken.