Einer, der nicht aufgibt
Einst Superstar in Sachen Schadstoffbekämpfung, jetzt ist Johann Fonfara ganz unten als Opfer seines Berufes
VON THORBEN LEO

Nach dreißig Metern muss Johann Fonfara Pause machen. Er sucht sich
einen Halt auf der Straße, schnauft mit heißem Atem, kämpft sich nach
zwei, drei Minuten weiter. "Freunde kennen das," sagt er. "Die warten
dann einfach."
Fremde
klärt er meist vorher über seine hundertprozentige Behinderung auf -
man kann sie ja nicht sehen. Im Herbst 2000 hat es angefangen: schwerer
Atem, Übelkeit, Arthrose, Bluthochdruck, ein Wirbelsäulenschaden
aufgrund einer 30 Prozent verminderten Glucoseaufnahme kam hinzu. "Ein
Jahr später war ich platt," sagt der heute 60-Jährige. "Nichts ging
mehr". Johann Fonfaras Firma "Ingenieur Sozietät für Umwelttechnik und
Bauwesen", die in fünf Jahren mehr als 2500 Gutachten gegen Giftstoffe
in Fabriken, Schulen, privaten Wohnungen und Kindergärten ausgestellt
hatte, verschuldete sich mit mehr als einer halben Million Euro. Er
konnte einfach nicht mehr körperlich arbeiten, geschweige denn
konzentriert mehrere Minuten in einen Computerbildschirm schauen - auch
sein Gehirn hatte der unsichtbare Gegner angegriffen.
Den
seelischen Tiefpunkt erlebte Fonfara, als er zum ersten Mal in der
Schlange in der St.-Josephs-Gemeinde in Frankfurt-Höchst stand und auf
Gemüsesuppe wartete: "Der blanke Horror, aber ich musste runter vom
hohen Ross."
Ende der Achtziger Jahre galt Fonfara als
Shootingstar unter Deutschlands Spürnasen in Sachen Giftstoffe. Als
Top-Ingenieur hatte der geborene Unterfranke für Philipp Holzmann unter
anderem in Saudi Arabien gearbeitet. Bei Hafenausbauten am Roten Meer
steuerte er außerdem viele Jahre gut dotierte Projekte. "Ich
beschäftigte mich aber auch früh mit der Zusammensetzung von
Baustoffen", sagt Fonfara. "Mir war nie ganz geheuer, mit welchen
gefährlichen Substanzen die Bauindustrie umgeht." Fonfara begann zu
schnüffeln und begegnete einer Vielzahl von leidgeprüften Patienten die
mit Fieber, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit von Arzt zu Arzt rannten,
ohne das die Ursachen ihrer Beschwerden ausfindig gemacht wurden.
"Es
lag schnell auf der Hand, dass Umwelteinflüsse am Arbeitsplatz oder gar
in der eigenen Wohnung das Krankheitsbild heraufbeschworen haben." Der
umtriebige Autodidakt Fonfara begann Fachliteratur zu lesen, traf sich
mit Wissenschaftlern, Medizinern, Architekten, Chemikern, auch Psycho-
und Soziologen und stellte fest, was er seit vielen Jahren vermutete:
"Die Baustoffe, Lacke, Kleber, Öle und Farben in Innenräumen machten
die Menschen krank."
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Der
Holzschutzmittelprozess, das größte deutsche Umweltstrafverfahren,
wurde 1997 nach der Zahlung von vier Millionen Mark offiziell
eingestellt.
Der Vergleich nahm den mutmaßlich tausenden
Opfern giftiger Holzschutzmittel die Möglichkeit auf eine
Schadenersatzklage. Die ehemalige Desowag Materialschutz GmbH und zwei
ihrer früheren Geschäftsführer waren zuvor in Frankfurt wegen
Körperverletzung und Freisetzen von Giften (PCP und Lindan) in
Holzschutzmitteln verurteilt worden.
Der Bundesgerichtshof
hatte 1995 jedoch eine Neuauflage des Verfahrens angeordnet. Sie endete
November 1996 mit dem Vergleich. lhe/fr |
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Damals galt es den unsichtbaren Gegner zu stellen. Und ihn zu
vernichten. Johann Fonfara forschte mit kompetenten Fachleuten und
Ärzten des Universitätsklinikum Heidelberg mehr als zwei Jahre.
"Mittels Rechner sammelten wir die Umweltdaten von Patienten und
werteten sie aus. Wir untersuchten den Arbeitsplatz, aber auch die
private Wohnung der Patienten." Bei
der Arbeit quer durch die Republik konnte der Frankfurter auf seine
jahrelangen Erfahrungen als Ingenieur zurückgreifen. Immer öfter
begegnete er den gefährlichen Substanzen Formaldehyd und Asbest. Die
Republik wurde aufmerksam auf die Arbeit Fonfaras, während die
Industrie ihn misstrauisch beäugte. Die Gruppe junger Kämpfer
gegen das Unsichtbare setzte alles auf eine Karte und investierte 200
000 Mark in Geräte die unterschiedliche Giftstoffe nachweisen können.
Als es schließlich 1988 zu den spektakulären Holzschutzmittelprozessen
in Frankfurt am Main kam, stellten Fonfara und seine Truppe eine Menge
Gutachten, die mehrere Baufirmen belasteten. Die Spürnasen hatten einen
neuen, eher traurigen, Markt entdeckt: "Das Land von seinen Giftstoffen
befreien". Kindergärten, Schulen, Kirchen, Spielplätze - es kamen immer
mehr Auftraggeber hinzu. Zu Glanzzeiten beschäftigte Fonfara 15
Mitarbeiter, etliche Subunternehmen erhielten Aufträge von ihm, zwei
Millionen Mark Jahresumsatz konnte er im Rekordjahr 1998 verbuchen. Schreibt Angebote mit der Hand Johann
Fonfara arbeitete zehn Jahre beinahe täglich mit Giftstoffen um andere
Menschen davon zu befreien - ohne jedoch dabei an sich zu denken.
"Kommt man früh morgens in einen nicht gelüfteten mit Schadstoffen
belasteten Raum, kriegt man die volle Ladung ab," erklärt er. "Das war
bei mir oft der Fall." Damals glaubte man noch, dass ein kurze Zeit
unter Belastung dem Körper nichts ausmache, er rasch die Gifte abbaue,
so der Ingenieur. Heute weiß er es besser. In Frankfurt-Höchst
sitzt Johann Fonfara im Winter 2006 und hat sich berappelt. Er beginnt
langsam wieder zu arbeiten, betreibt mit zwei Kollegen ein kleines
Ein-Zimmer-Büro. "DUGI e.V." steht auf dem Klingelschild: Deutsche
Umwelt- und Gesundheitsinitiative. Damit kennt sich das
Greenpeace-Mitglied nunmal am besten aus. Ein Mobiltelefon hat er
nicht, "wegen der Strahlen". Angebote schreibt er fast mittelalterlich
mit der Hand und bringt sie zur Post. Vor ihm steht ein große
Kaffeekanne mit abgekochtem Wasser. "Fünf Liter muss ich davon am Tag
trinken. Das spült den Körper aus". Es klingt ironisch: Aber
Johann Fonfara hat Glück gehabt. Befreundete Ärzte bescheinigen ihm,
dass die meisten anderen Mensch mit dieser Belastung wohl nicht mehr
leben würde. "Unkraut vergeht nicht", lacht der gemütlich wirkende
Junggeselle. Der Fachmann vergleicht die Zahl der jährlichen Opfer von
Giftstoffen in Gebäuden mit denen von Deutschlands Verkehrstoten - also
mehrere Tausend. "Natürlich hätte ich mich auch schützen können", sagt
er trocken. "Aber gehen sie mal mit einem weißen Schutzanzug mit
Astronautenhelm in einen Kindergarten. Die Panik würde noch mehr
Schaden anrichten."
Belastete Schulen, belastete Kinder Johann
Fonfara lebt heute von 400 Euro Schwerbehindertenrente und ist seit
vorigem Jahr auch wieder Existenzgründer. Seine Ich-AG "Fonfara
Consulting" über die Arbeitsagentur Frankfurt kommt langsam ins Rollen,
sie ist sein Rettungsanker zurück in einen einigermaßen geregelten
Alltag. "Es gibt noch viel zu tun", gibt er sich kämpferisch. "Gerade
mal zwanzig Prozent der Schulen sind von Schadstoffen befreit". Nahezu
alle Gebäude die nach dem Krieg gebaut wurden, sind seiner Meinung nach
mit Giften belastet. Über das schlechte Abschneiden deutscher Schüler
bei der Pisa-Studie hat er seine eigene Theorie, über die er auch in
den nächsten Wochen referiert: "Giftstoffe in den Gebäuden belasten die
Kinder und machen sie unkonzentriert." Das wirke sich natürlich auf die
Noten aus, so Fonfara. Der Kampf sei noch lange nicht gewonnen,
erst wenn sich das "ökologische Bauen" per Gesetzgeber durchsetze,
könnten die Menschen aufatmen. Derweil arbeitet Fonfara auch
unermüdlich an der Aufklärung, die eine wichtige Säule seiner Arbeit
ist. Mitunter wissen viele Erwachsene selbst heute noch nicht, warum es
ihnen schlecht geht. "Ein Mann dachte aufgrund hohen Fiebers und
geschwollener Lymphknoten er habe Aids. Nach meinem Gutachten stand
fest, dass er seinen Balkon mit einem gefährlichen Holzschutzmittel
gestrichen hatte."
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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2006
Dokument erstellt am 19.02.2006 um 15:40:08 Uhr
Erscheinungsdatum 20.02.2006
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