Die
massive Rückrufaktion ist peinlich für die britische
Lebensmittelbehörde, denn der jetzige Skandal hätte vermieden werden
können, wenn vor drei Jahren bei der Entsorgung von kontaminiertem
Chilipulver nicht schlampig kontrolliert worden wäre. Wären damals
sorgfältig alle aus Indien importierten Bestände von mit Sudan1
verseuchtem Chilipulver vernichtet worden, müßten jetzt nicht Hunderte
von Produkten aus der Lebensmittelkette gezogen werden.
Zufällig entdeckt
Angefangen
hatte der Ärger um Sudan 1 im Juni 2003, als ein französisches Labor
aus Großbritannien importiertes Chili umfangreich testete, weil das
Gewürz so unnatürlich rot gefärbt war. Und nur durch Zufall entdeckte
dieses Labor in dem Chilipulver das Färbemittel Sudan 1, das eigentlich
zum Einfärben von Industrieprodukten wie Bohnerwachs und Schuhwichse
verwendet wird. Von den Franzosen alarmiert, konnten die britischen
Behörden das kontaminierte Chilipulver bis zu der Exportgesellschaft
Gautam Export Corporation and Patons Exports in Bombay zurückverfolgen.
Dieser Gesellschaft und einer von den Eigentümern anschließend neu
gegründeten Exportgesellschaft SG Spice and Seed Trading entzog das
Indische Spice Board dann die Exportlizenz für Chili. Ganz
offensichtlich hatte der indische Exporteur oder sein Zulieferer das
Chili mit dem Färbemittel Sudan 1 versehen, weil appetitlich rotes
Chilipulver am Markt einen höheren Preis erzielt als das
natürlicherweise eher braune Pulver.
Skandale
um unnatürlich gefärbte Speisen sind notorisch in Indien und haben
selbst schon die indischen Restaurantketten in London getroffen, denen
vor Jahren bereits das Färben von „Tandoori-Chicken” untersagt wurde.
Im Sommer 2003 reagierte auch die EU sofort auf den Fall des
kontaminierten Chilipulvers. Seit Juli 2003 muß importiertes
Chilipulver in Europa einen Nachweis tragen, daß es kein Sudan 1
enthält. Gleichzeitig wurden mehr als 200 Produkte, die das
kontaminierte Chilipulver enthielten, aus dem Handel gezogen.
Zwei Tonnen übersehen
Aber
ganz offenbar wurde damals eine Lieferung von zwei Tonnen
kontaminierten Chilis in Großbritannien übersehen. Diese Lieferung war
bereits im September 2002 aus Bombay an einen der größten britischen
Gewürzimporteure, die East Anglia Food Ingredients (EAFI) in Clacton,
Essex, geliefert worden. Diese Gesellschaft hatte dann offenbar fünf
Tonnen kontaminierten Chilipulvers über den Zwischenhändler Unbar
Rothon in Essex an Premier Foods verkauft, einen britischen
Lebensmittelkonzern, der unter anderem die Worcestersauce der Marke
Crosse & Blackwell herstellt, in die das kontaminierte Chilipulver
eingemischt wurde.
Die
massive Produktion von Fertiggerichten in Großbritannien hat dann dazu
geführt, daß die verseuchte Worcestersauce - untergemischt in Hunderten
von weiteren Saucen, Fertiggerichten und Suppen - in fast jeden
britischen Haushalt gelangte. Die Supermarktketten lassen ihre
Fertiggerichte bei einigen wenigen Lebensmittelproduzenten in
Großbritannien herstellen, die fast alle die gleichen Zutaten benutzen,
zum Beispiel die Worcestersauce von Crosse & Blackwell als
Geschmacksverstärker. Dies erklärt, warum eine einzige kontaminierte
Sauce mehr als 400 tiefgekühlte Fertiggerichte, Dosengerichte, Suppen,
Saucen und Pizzas von Asda, Co-op, Marks & Spencer, Iceland, Heinz,
McDonald's, Sainsbury's, Somerfield, Tesco und Waitrose verseucht hat
und warum neben den Supermärkten auch etliche Lieferanten für
Großküchen von Krankenhäusern, Hotels, Restaurants und Schulen ihre
Gerichte zurückziehen oder ändern müssen.
Lebensmittelbehörde in Kritik
Die
britische Lebensmittelbehörde FSA sieht sich nun im Kreuzfeuer der
Kritik, denn auch dieses Mal war es nicht die britische Behörde,
sondern ein italienisches Labor, das am 7. Februar die britische
Worcestersauce untersuchte und Spuren von Sudan1 entdeckte. Aber es
dauerte weitere zehn Tage, bis die britische Öffentlichkeit am
vergangenen Freitag alarmiert wurde und eine Liste der kontaminierten
Lebensmittel veröffentlicht wurde. Allerdings zeigt die Rückrufaktion,
daß die neue EU-Vorschrift, nach der alle Lebensmittelunternehmen eine
nahtlose Bezugskette ihrer Produkte parat haben müssen, geholfen hat.
Ohne diese wäre es nicht möglich gewesen, lückenlos nachzuweisen,
welchen Weg das kontaminierte Chilipulver in der
Lebensmittelverarbeitung genommen hat und wie groß das Ausmaß der
kontaminierten Produktpalette ist.