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Pizza wird aus dem Handel gezogen
Lebensmittelskandal
Im Bohnerwachs und in der Pizza

23. Februar 2005 Großbritannien kämpft mit dem größten Lebensmittelskandal seit der Rinderseuche BSE. Die Zeitungen drucken mittlerweile Listen mit mehr als 400 Lebensmitteln ab, die mit dem krebserregenden Färbemittel Sudan 1 kontaminiert sind und in den vergangenen Tagen in Windeseile aus den Regalen der Supermärkte entfernt werden mußten. Die britische Lebensmittelbehörde, die Food Standards Agency (FSA), gab bekannt, daß der Verzehr der Produkte zwar nicht sofort zu Leberkrebs führe, aber es sei besser, die Produkte nicht zu essen.

Die massive Rückrufaktion ist peinlich für die britische Lebensmittelbehörde, denn der jetzige Skandal hätte vermieden werden können, wenn vor drei Jahren bei der Entsorgung von kontaminiertem Chilipulver nicht schlampig kontrolliert worden wäre. Wären damals sorgfältig alle aus Indien importierten Bestände von mit Sudan1 verseuchtem Chilipulver vernichtet worden, müßten jetzt nicht Hunderte von Produkten aus der Lebensmittelkette gezogen werden.

Zufällig entdeckt

Angefangen hatte der Ärger um Sudan 1 im Juni 2003, als ein französisches Labor aus Großbritannien importiertes Chili umfangreich testete, weil das Gewürz so unnatürlich rot gefärbt war. Und nur durch Zufall entdeckte dieses Labor in dem Chilipulver das Färbemittel Sudan 1, das eigentlich zum Einfärben von Industrieprodukten wie Bohnerwachs und Schuhwichse verwendet wird. Von den Franzosen alarmiert, konnten die britischen Behörden das kontaminierte Chilipulver bis zu der Exportgesellschaft Gautam Export Corporation and Patons Exports in Bombay zurückverfolgen. Dieser Gesellschaft und einer von den Eigentümern anschließend neu gegründeten Exportgesellschaft SG Spice and Seed Trading entzog das Indische Spice Board dann die Exportlizenz für Chili. Ganz offensichtlich hatte der indische Exporteur oder sein Zulieferer das Chili mit dem Färbemittel Sudan 1 versehen, weil appetitlich rotes Chilipulver am Markt einen höheren Preis erzielt als das natürlicherweise eher braune Pulver.

Skandale um unnatürlich gefärbte Speisen sind notorisch in Indien und haben selbst schon die indischen Restaurantketten in London getroffen, denen vor Jahren bereits das Färben von „Tandoori-Chicken” untersagt wurde. Im Sommer 2003 reagierte auch die EU sofort auf den Fall des kontaminierten Chilipulvers. Seit Juli 2003 muß importiertes Chilipulver in Europa einen Nachweis tragen, daß es kein Sudan 1 enthält. Gleichzeitig wurden mehr als 200 Produkte, die das kontaminierte Chilipulver enthielten, aus dem Handel gezogen.

Zwei Tonnen übersehen

Aber ganz offenbar wurde damals eine Lieferung von zwei Tonnen kontaminierten Chilis in Großbritannien übersehen. Diese Lieferung war bereits im September 2002 aus Bombay an einen der größten britischen Gewürzimporteure, die East Anglia Food Ingredients (EAFI) in Clacton, Essex, geliefert worden. Diese Gesellschaft hatte dann offenbar fünf Tonnen kontaminierten Chilipulvers über den Zwischenhändler Unbar Rothon in Essex an Premier Foods verkauft, einen britischen Lebensmittelkonzern, der unter anderem die Worcestersauce der Marke Crosse & Blackwell herstellt, in die das kontaminierte Chilipulver eingemischt wurde.

Die massive Produktion von Fertiggerichten in Großbritannien hat dann dazu geführt, daß die verseuchte Worcestersauce - untergemischt in Hunderten von weiteren Saucen, Fertiggerichten und Suppen - in fast jeden britischen Haushalt gelangte. Die Supermarktketten lassen ihre Fertiggerichte bei einigen wenigen Lebensmittelproduzenten in Großbritannien herstellen, die fast alle die gleichen Zutaten benutzen, zum Beispiel die Worcestersauce von Crosse & Blackwell als Geschmacksverstärker. Dies erklärt, warum eine einzige kontaminierte Sauce mehr als 400 tiefgekühlte Fertiggerichte, Dosengerichte, Suppen, Saucen und Pizzas von Asda, Co-op, Marks & Spencer, Iceland, Heinz, McDonald's, Sainsbury's, Somerfield, Tesco und Waitrose verseucht hat und warum neben den Supermärkten auch etliche Lieferanten für Großküchen von Krankenhäusern, Hotels, Restaurants und Schulen ihre Gerichte zurückziehen oder ändern müssen.

Lebensmittelbehörde in Kritik

Die britische Lebensmittelbehörde FSA sieht sich nun im Kreuzfeuer der Kritik, denn auch dieses Mal war es nicht die britische Behörde, sondern ein italienisches Labor, das am 7. Februar die britische Worcestersauce untersuchte und Spuren von Sudan1 entdeckte. Aber es dauerte weitere zehn Tage, bis die britische Öffentlichkeit am vergangenen Freitag alarmiert wurde und eine Liste der kontaminierten Lebensmittel veröffentlicht wurde. Allerdings zeigt die Rückrufaktion, daß die neue EU-Vorschrift, nach der alle Lebensmittelunternehmen eine nahtlose Bezugskette ihrer Produkte parat haben müssen, geholfen hat. Ohne diese wäre es nicht möglich gewesen, lückenlos nachzuweisen, welchen Weg das kontaminierte Chilipulver in der Lebensmittelverarbeitung genommen hat und wie groß das Ausmaß der kontaminierten Produktpalette ist.


Text: bes., F.A.Z., 24.02.2005, Nr. 46 / Seite 12
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